Freies Testosteron berechnen: warum der Gesamtwert oft täuscht
Auf den meisten Laborzetteln steht nur das Gesamt-Testosteron. Der Wert, der bestimmt, wie viel davon in deinen Zellen ankommt, fehlt dort meistens. Hier erfährst du, was das freie Testosteron ist, wie es berechnet wird und warum ein „normaler" Gesamtwert trotzdem zu Beschwerden passen kann.
Was freies Testosteron überhaupt ist
Testosteron schwimmt nicht einfach frei im Blut. Der größte Teil ist an Transporteiweiße gebunden:
- Etwa 40 bis 60 Prozent hängen fest an SHBG, dem sexualhormonbindenden Globulin. Dieser Anteil gilt als biologisch nicht verfügbar.
- Etwa 40 bis 60 Prozent sind locker an Albumin gebunden. Diese Bindung löst sich im Gewebe leicht, der Anteil zählt deshalb als verfügbar.
- Ein bis drei Prozent sind wirklich frei. Das ist das freie Testosteron.
Freies Testosteron plus der albumingebundene Anteil ergeben zusammen das bioverfügbare Testosteron. Das ist der Teil, der tatsächlich an die Rezeptoren kommt und Wirkung entfaltet.
Der entscheidende Punkt
Der Gesamtwert misst alles zusammen, auch das fest gebundene Testosteron, von dem dein Körper nichts hat. Zwei Männer mit identischem Gesamtwert können völlig unterschiedlich viel verfügbares Testosteron haben, wenn ihr SHBG unterschiedlich hoch ist.
Wie freies Testosteron berechnet wird
Es gibt zwei Wege, an den Wert zu kommen.
Direkte Messung
Möglich, aber aufwendig. Als Referenzmethode gilt die Gleichgewichtsdialyse. Die ist teuer und wird in der Routine selten gemacht. Die billigeren direkten Testkits, sogenannte Analog-Assays, gelten als unzuverlässig und werden von Fachgesellschaften nicht empfohlen.
Berechnung aus drei Werten
In der Praxis wird das freie Testosteron meist berechnet, aus Gesamt-Testosteron, SHBG und Albumin. Die gängigste Formel stammt von Vermeulen und Kollegen aus dem Jahr 1999 und bildet die Bindungsgleichgewichte im Blut nach.
Wichtig dabei: Das Ergebnis ist ein Rechenwert, keine Messung. Je nach Formel und Labor kommen unterschiedliche Zahlen heraus. Als Orientierung und für den Verlauf ist er trotzdem deutlich aussagekräftiger als der Gesamtwert allein.
Stehen diese drei Werte auf deinem Befund, kannst du das freie Testosteron in zwei Minuten selbst ausrechnen lassen.
Werte im Blutwert-Check einordnen →
Die Berechnung läuft in deinem Browser. Deine Werte werden nicht übertragen und nicht gespeichert.
Wann der Gesamtwert in die Irre führt
Immer dann, wenn das SHBG vom Üblichen abweicht. Zwei Konstellationen kommen besonders häufig vor:
Hohes SHBG bei normalem Gesamtwert
Der Laborzettel sieht unauffällig aus, weil der Gesamtwert im Referenzbereich liegt. Weil aber viel Testosteron fest gebunden ist, bleibt wenig verfügbar. Genau diese Männer hören „Ihr Testosteron ist normal" und haben trotzdem Symptome. SHBG steigt unter anderem mit dem Alter, bei Schilddrüsenüberfunktion, bei Lebererkrankungen und unter bestimmten Medikamenten.
Niedriges SHBG bei niedrigem Gesamtwert
Hier ist es umgekehrt: Der Gesamtwert wirkt bedenklich, der verfügbare Anteil ist aber höher, als die Zahl vermuten lässt. Niedriges SHBG findet sich häufig bei Übergewicht, Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes.
In beiden Fällen ändert die Berechnung die Einschätzung erheblich. Deshalb empfiehlt die Leitlinie der Endocrine Society, bei grenzwertigen oder zu den Symptomen nicht passenden Gesamtwerten das freie Testosteron zu bestimmen oder zu berechnen.
Worauf es bei der Blutabnahme ankommt
- Morgens. Testosteron folgt einem Tagesrhythmus mit dem Höhepunkt in den frühen Morgenstunden. Die Abnahme sollte zwischen sieben und zehn Uhr erfolgen.
- Nüchtern. Nahrung, besonders Glukose, kann die Werte kurzfristig senken.
- Zweimal. Ein einzelner niedriger Wert reicht für keine Einordnung. Bestätigung an einem zweiten Tag ist Standard.
- Nicht im Infekt. Akute Erkrankungen drücken die Werte vorübergehend.
- SHBG und Albumin mitbestimmen lassen. Ohne sie ist keine Berechnung möglich. Genau daran scheitert es auf den meisten Befunden.
Welche Marker sonst noch dazugehören, steht auf der Seite Testosteron-Blutwerte im Überblick.
Häufige Fragen
Reicht der Gesamtwert nicht aus?
Wenn er eindeutig hoch oder eindeutig sehr niedrig ist und zu deinen Symptomen passt, oft schon. Im Graubereich, also genau dort, wo die meisten landen, sagt er allein zu wenig.
Ist der berechnete Wert genau?
Er ist eine gute Näherung, aber kein Messwert. Verschiedene Formeln liefern unterschiedliche Ergebnisse. Für den Verlauf über die Zeit, also denselben Rechenweg über mehrere Messungen, ist er gut brauchbar.
Mein Labor gibt freies Testosteron direkt an. Ist das besser?
Kommt auf die Methode an. Direkte Analog-Assays gelten als unzuverlässig, die Gleichgewichtsdialyse ist der Goldstandard, wird aber selten eingesetzt. Frag nach, welche Methode verwendet wurde.
Welcher Wert ist normal?
Referenzbereiche unterscheiden sich zwischen Laboren und Methoden, deshalb gibt es keine allgemeingültige Zahl. Entscheidend ist ohnehin nicht die Zahl allein, sondern ob sie zu deinen Beschwerden und deinem Verlauf passt.
Der nächste Schritt
Wenn du einen Befund vor dir liegen hast, trag die drei Werte in den Blutwert-Check ein. Du siehst dann, wo du gegenüber dem Referenzbereich stehst und was das für dein Arztgespräch bedeutet.
Hast du noch keine Werte? Dann hilft dir die Liste zum Mitnehmen für dein Arztgespräch.
Mehr zum Nachlesen
Alle Therapiethemen, von Nebenwirkungen bis Kinderwunsch, findest du im Wissensbereich.
Dieser Text ist allgemeine Gesundheitsaufklärung und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Quellen: Vermeulen A, Verdonck L, Kaufman JM, J Clin Endocrinol Metab 1999 (Berechnungsformel) · Bhasin S et al., J Clin Endocrinol Metab 2018 (Leitlinie der Endocrine Society).
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